Malstunden während Keuchhusten (1946)
Eine 74-jährige
Pensionärin erinnert sich an ihren Vater
Mein Vater konnte wunderschöne Früchte und Tiere malen.
Mit 6 Jahren hatte ich den Keuchhusten und durfte deswegen ca. 3 Monate nicht in die Schule. Er hatte mir während dieser Zeit stundenlange Zeichnen und Malen beigebracht.
Mit 6 Jahren hatte ich den Keuchhusten und durfte deswegen ca. 3 Monate nicht in die Schule. Er hatte mir während dieser Zeit stundenlange Zeichnen und Malen beigebracht.
Eine Wiese voller Edelweisse (1950)
Eine 74-jährige
Pensionärin erinnert sich an ihren Vater
Wir wohnten im Engadin, mein Vater war als Käser während des
Sommers immer auf der Alp. Er kannte alle Blumen und hat sie uns die
Blumennamen mit grosser Begeisterung beigebracht. In bester Erinnerung ist mir,
als er uns eine versteckte und abgelegene Wiese voller Edelweisse gezeigt hat.
Kartengrüsse von Bern nach Bern (1995)
Eine 54-jährige
kaufmännische Angestellt erinnert sich an ihren Vater
Meine Mutter war sehr dominant und hatte eine langelange
Krankengeschichte. Die Familie litt darunter. Mein Vater hat meine Mutter jedoch
auf Händen getragen.
Weil meine Mutter sehr eifersüchtig war, musste ich immer
zuerst durch einen Muttervorhang, um mit meinem Vater alleine zu sein. Ich
musste unsere Zeit buchstäblich zusammenstehlen. Während der Berufstätigkeit
meines Vaters besuchte ich ihn auf der Arbeit, und wir tranken einen Kaffee
zusammen. Als er pensioniert wurde, war das Gassigehen mit unserem Hund unsere
Zeitinsel, meine Mutter konnte uns aufgrund ihrer Behinderung nicht begleiten.
Als der Hund starb, wurde es immer schwieriger, mit ihm alleine Zeit zu finden.
Da hatte ich die Idee, ihm eine Karte zu schreiben und ihn zu fragen, ob er
wiedermal mit mir zusammen im Wald spazieren käme.
Da hatte ich die Rechnung ohne die Mutter gemacht. Sie hat
die Karte gelesen, fühlte sich ausgeschlossen und veranstaltete eine
Eifersuchtsszene.
Harte Schale mit Blumenstrauss
Eine 71-jährige Pensionärin erinnert sich an ihren Vater
Mein Vater war Schweizer, wuchs in Deutschland auf und war –
obwohl Schweizer – während des 2. Weltkriegs
im Krieg aktiv. Ich war offensichtlich ein “ Urlaubskind“. Er kehrte
1947 aus der Kriegsgefangenschaft zurück, ich war damals 4 Jahre alt und hatte
ihn vorher noch nie gesehen.
Mit seiner Rückkehr wurde das Leben in unserer Familie (ich
hatte Geschwister) schwierig, meine Mutter weinte häufig. Ich kannte diesen
Mann nicht. Er war ein Patriarch und wusste immer ganz genau, was richtig und
falsch war.
Ich habe sehr früh geheiratet und meine Eltern waren
überzeugt, dass mein Ehemann schwul sei. Ich ging auf ihre Verdächtigungen
nicht ein, worauf mir mein Vater mitgeteilt hat: „Somit sind wir geschiedene
Leute“. Ich hatte jahrelang keinen Kontakt mit meinen Eltern. Als ich meinen
zweiten Ehemann heiratete, habe ich ihnen kein Hochzeitskärtchen gesandt. Als
wir frisch verheiratet aus dem Standesamt
kamen, stand er völlig überraschend mit einem Blumenstrauss am Eingang.
Er hatte durch meine Geschwister davon erfahren. Ich war gerührt, da ich
wusste, was dies für ihn bedeutete: zu Kreuze kriechen. Da wurde mir bewusst,
dass er mich gern hat und unter der Trennung gelitten hat. Ich konnte ihm in
den darauffolgenden Jahren zeigen – darüber reden zu können, hat er nie gelernt
– dass ich ihm keine Vorwürfe für seine Vergangenheit mache und ihm nichts
nachtrage.
Nägel lackieren – mein Pappi ist im Fall nicht schwul!
Eine 25-jährig medizinische Praxisassistenin erzählt über
den Pappi-Höck-Tag
Jeder Samstag war Pappi-Hock-Tag. Er hat mir beispielsweise
die Nägel lackiert und die Haare frisiert. Häufig gingen wir auch gemeinsam
shoppen. Mein Pappi ist im Fall nicht schwul!
Boxkampf in der Nachbarschaft (1970)
Ein 52-jähriger Bibliothekar erinnert sich an unfreiwillige Boxkämpfe
Wir waren drei Brüder im gleichen Alter. Unser Vater hatte
eine sehr enge Vorstellung vom Mannsein und wollte uns in sein Schema pressen.
Eines Tages kam er mit Boxhandschuhen nach Hause. Er hat in
unserer Garage Nachbarskinder versammelt und bestimmt, mit wem wir zu boxen
haben. Wir wurden nie gefragt. Ich fühlte mich wie eine Marionette.
Vermisstes Erbe
Ein 52-jähriger Bibliothekar erinnert sich an den singenden
Vater
Mein Vater hatte eine wunderschöne und starke Stimme. Er hat
viel und überall gesungen. Leider habe ich seine Stimme nicht geerbt.
Heilige Vaterstunde (1971)
Ein 49-jähriger Pflegefachmann erinnert sich an die
Vaterstunde
Mein Vater hat sehr häufig mit uns gespielt. Nach dem
Abendessen hat er sich regemässig ca. eine Stunde Zeit genommen, mit uns
rumzutollen und wir sind an ihm rauf und runter geklettert.
Er zeigt mir den Meister
Ein 49-jähriger Pflegefachmann erinnert sich an den Meister
Mein Vater hat es geliebt, uns etwas zu zeigen, wie man
handwerkt. Dabei ging es um seine Präsentation und nicht darum, uns anzuleiten
und uns etwas zu lernen. Ich konnte also nicht ausprobieren und keine Fehler
machen. Heute erkenne ich gewisse ähnliche Muster bei mir selber.
Der äussere Schein
Eine 68-jährige Pensionärin erinnert sich an ihren Vater
Als Kind wollte ich immer lieb und nett sein und meinem
Vater gefallen. Mein Vater war ein sehr leistungsorientierter und
geltungssüchtiger Mensch. Es war ihm wichtig durch die Strasse zu stolzieren.
Die Leute sollten achtungsvoll denken: Ah, da kommt der Hans Burger.
Als ich erwachsen war, wollte ich auf keinen Fall werden wie
er und habe mich um die soziale Bestätigung geschert. Dies hat mich zum
schwarzen Schaf der Familie gemacht.
Kurz vor seinem Tod hat er mir gesagt: „Wir hatten’s doch
eigentlich gut zusammen.“ Und meinte damit in erster Linie: „Gell, ich hab’s
doch gut gemacht.“ Ich konnte ihm nie sagen, dass ich mir unsere Beziehung
anders gewünscht hätte.
Als ich von seinem Tod hörte, war ich zuerst erleichtert.
Zugleich hatte ich ein schlechtes Gewissen wegen meiner Erleichterung.
Der Zweiachser (1983)
Ein 66-jähriger Landwirt erzählt eine Anektote mit seinem
damals ca. 5-jährigen Sohn
Mein Sohn Roman war immer sehr interessiert am Bauern. Ich
habe ihm, als er ca. 5-jährig war, das Prinzip der Ein- und Zweiachser erklärt.
Einige Tage später ruft er: „Vater schau, dort ist ein
Zweiachser!“ Weit und breit war jedoch kein Auto oder Gefährt zu sehen. Ich
habe mich vergewissert, wo genau er einen Zweiachser sehe. Er hat auf den
streunenden Hund gezeigt. Das Prinzip hatte er also erfasst.
Jüngere Beine (1988)
Ein 66-jähriger Landwirt erzählt eine Anektote mit seinem
damals ca. 10-jährigen Sohn
Beim Arbeiten habe ich meinem Sohn Roman gesagt: „Hol mir
bitte die Brille in der Wohnung oben, du hast ja noch junge Beine.“ Da hat er
keck geantwortet: „Die jüngeren Beine habe ich zwar schon, aber sie müssen auch
noch länger halten.“
Der Nachbar (in den 80er Jahren)
Ein 66-jähriger Landwirt erzählt eine Anektote seiner
jüngsten Tochter als Kleinkind
Ich habe drei Kinder. Lea, die Jüngste, sagte mit ca. drei
Jahren, sie hätte gerne ein kleines Geschwister. Die Mutter antwortete: „Das
geht nicht so schnell, und es braucht noch den Pappa dazu.“ Lea ergänzte:
„…oder den Nachbarn Ernst.“
Ich hatte mit Nachbarlandwirt Ernst gemeinsame Maschinen und
sprach mich beim Arbeiten häufig mit ihm ab.
Auftauchen
In seiner letzten manisch-depressiven Phase ist mein Vater
für ein halbes Jahr spurlos verschwunden, nun ist er wieder zurück, aber er hat
alles verloren: Seine Praxis, das Haus, das Geld. Gestern hat er für mich und
meine kleine Tochter gekocht: Teigwaren mit Lachs und Spargeln. Auch sein
Risotto ist wunderbar.
Die 36 jährige Tochter erzählt über ihren Vater, der 67ist.
Apfelschnitze (1985)
Eine 35-jährige kaufm. Angestellte erzählt von ihrem Vater
Ich begann Äpfel und Birnen zu essen wegen meines Vaters. Er
hat die Früchte geschält und in kleine Schnitze geschnitten, so dass ich auf
den Geschmack kam.
Losgelöst
Als ich noch kleiner war, erzählte Vater vom Krieg in Sri
Lanka. Er wurde angeschossen. Nach der Scheidung meiner Eltern habe ich ihn
regelmässig besucht. Er joggte, ich fuhr mit dem Velo hinterher und wir hatten
Spass. Da bekam er einen Herzinfarkt und seine neue Frau sagte zu mir, ich sei
Schuld, weil ich ihm zu wenig gut schaue. Da sagte ich, dass ich Vater nur noch
alleine sehe wolle, aber nach zwei Mal sagte Vater, er könne mich nicht mehr
sehen, weil er auch mit seiner Frau und dem Kind sein müsse. Da rief ich ihn an
und sagte: Werde ohne mich glücklich. Jetzt habe ich ihn nicht mehr gesehen,
aber er fehlt mir.
Die 13jährige Tochter berichtet über ihren Vater, der 45
ist.
Tabu
In einem Streit mit meiner Schwester platze es aus Mutter
heraus: Vater hatte, als er sie schon kannte, ein Kind in Afrika. Es ist, wie
ich heute weiss, etwa in der Zeit gestorben, als ich zur Welt kam. Vor seiner
Erkrankung war Vater für uns kaum fassbar. Mit seinem Alzheimer kam plötzlich
seine emotionale Seite zum Vorschein – er strahlte uns an und umarmte uns, wenn
wir kamen.
Die 51jährige Pfelgefachfrau erzählt über ihren Vater.
Im Fotolabor
Ich verbrachte Stunden mit meinem Vater im Fotolabor im
Keller. Ich schaute, wie er die Fotos belichtete, ich beobachtete, wie die
Bilder im Entwicklerbad langsam Gestalt annahmen. Er konnte gut zeichnen. Ich
sass ihm oft Modell und habe später auch viel gezeichnet. Ich habe meinen Namen
immer behalten, er ist von meinem Vater.
Die 58jährige Sozialarbeiterin erzählt über ihren Vater, der
1913 geboren ist.
Radetzkymarsch
Vater voraus mit der Posaune, dann meine Brüder mit der
Posaune, dann ich mit der Geige: So marschierten wir an Familienfesten auf, mit
dem Radetzkymarsch. Mutter war stolz auf uns. Vater spielte fünf Instrumente,
Posaune, Klarinette, Waldhorn, Trompete und noch eines. Er nahm uns mit an all
die Musik- und Waldfeste, ich sah in in seiner Musikantenunform marschieren.
Die 66 jährige Tourismusfachfrau erinnert sich an ihren
musikalischen Vater. Die Szene spielt 1962.
An Vaters Hand
Ich ging mit meinem Vater spazieren, es war ein sonniger
Frühlingstag. Als wir der Strasse entlang gingen, hielt er mich an der Hand.
Kaum waren wir auf unserem Grundstück, hat er meine Hand losgelassen.
Der Ausgang
Ich war im Ausgang mit Gleichaltrigen. Als ich um zehn Uhr
abends nicht wie abgemacht nach Hause kam, suchte mich mein Vater in der ganzen
Stadt. Er fand mich nach Mitternacht auf dem Schulhausplatz. Wütend zerrte er
mich aus der Freundesgruppe. Ich schämte mich für meinen Vater. Am nächsten Tag
musste ich zur Strafe im Garten jäten. Ich kam nie wieder zu spät nach Hause.
Erzähler: Bruno (27), Bankangestellter
Alter zur Zeit der Erzählung: 13
Vater: Mario, pensionierter Lehrer
Alter zur Zeit der Erzählung: 54
Flugshow
Letzten Sommer besuchten wir mit unserem Vater eine
Flugshow. Er wusste viel über die verschiedenen Flugzeugtypen zu erzählen und
war vor Begeisterung kaum zu bremsen. Er kaufte uns ein Modellflugzeug, das wir
später gemeinsam zusammen bauten. Wir leben getrennt von unserem Vater. Jedes
zweite Wochenende sind wir bei ihm auf Besuch.
Erzähler: Fabian (13) und Roman (15)
Alter zur Zeit der Erzählung: 12 und 14
Vater: Christoph, Maurer
Alter zur Zeit der Erzählung: 44
Hippievater
Mein Vater ist ein richtiger Hippie. Ich wuchs in einer
Kommune auf, war häufig mit meinen Eltern in Indien. Früh begann ich gegen
meinen alternativen Vater zu rebellieren, fand ihn einen Penner. Nach Lehre,
Berufsmaturität und Fachhochschulabschluss hatte ich keinen Kontakt mehr zu
ihm. Wir lebten in zwei ganz unterschiedlichen Welten. Ich im Anzug und er in
Hippiekleidern. Als er in finanzielle Schwierigkeiten geriet, nahm er wieder
Kontakt auf mit mir. Da ich gut verdiene, konnte ich ihm finanziell unter die
Arme greifen. Seither sehen wir uns wieder zweimal wöchentlich. Wir haben uns
versöhnt und respektieren einander.
Erzähler: Christian (26), Informatiker
Alter zur Zeit der Erzählung: 26
Vater: Peter, Möbelschreiner
Alter zur Zeit der Erzählung: 46
Mit warmen Händen geben
Mein Vater hat gut Geld verdient. Mit der Begründung, er
gebe lieber mit warmen als mit kalten Händen, ermöglicht er mir und meiner
Familie dank eines Erbvorbezugs den Bau eines Hauses in der Nähe seines
Wohnorts. Er übernimmt sogar die Bauführung. Er freut sich darauf, uns in der
Nähe zu haben und seine Grosskinder ab und zu betreuen zu können. Ich spüre
ganz stark, der Vater ist für mich und meine Familie da.
Erzähler: Damian (27), Umweltingenieur
Alter zur Zeit der Erzählung: 32
Vater: Stefan, pensionierter Ingenieur
Alter zur Zeit der Erzählung: 65
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