Geschichten vom Samstag, 31.5.2014

Malstunden während Keuchhusten (1946)

Eine 74-jährige Pensionärin erinnert sich an ihren Vater
Mein Vater konnte wunderschöne Früchte und Tiere malen.
Mit 6 Jahren hatte ich den Keuchhusten und durfte deswegen ca. 3 Monate nicht in die Schule. Er hatte mir während dieser Zeit stundenlange Zeichnen und Malen beigebracht.

Eine Wiese voller Edelweisse (1950)

Eine 74-jährige Pensionärin erinnert sich an ihren Vater
Wir wohnten im Engadin, mein Vater war als Käser während des Sommers immer auf der Alp. Er kannte alle Blumen und hat sie uns die Blumennamen mit grosser Begeisterung beigebracht. In bester Erinnerung ist mir, als er uns eine versteckte und abgelegene Wiese voller Edelweisse gezeigt hat.

 

Kartengrüsse von Bern nach Bern (1995)

Eine 54-jährige kaufmännische Angestellt erinnert sich an ihren Vater
Meine Mutter war sehr dominant und hatte eine langelange Krankengeschichte. Die Familie litt darunter. Mein Vater hat meine Mutter jedoch auf Händen getragen.
Weil meine Mutter sehr eifersüchtig war, musste ich immer zuerst durch einen Muttervorhang, um mit meinem Vater alleine zu sein. Ich musste unsere Zeit buchstäblich zusammenstehlen. Während der Berufstätigkeit meines Vaters besuchte ich ihn auf der Arbeit, und wir tranken einen Kaffee zusammen. Als er pensioniert wurde, war das Gassigehen mit unserem Hund unsere Zeitinsel, meine Mutter konnte uns aufgrund ihrer Behinderung nicht begleiten. Als der Hund starb, wurde es immer schwieriger, mit ihm alleine Zeit zu finden. Da hatte ich die Idee, ihm eine Karte zu schreiben und ihn zu fragen, ob er wiedermal mit mir zusammen im Wald spazieren käme.
Da hatte ich die Rechnung ohne die Mutter gemacht. Sie hat die Karte gelesen, fühlte sich ausgeschlossen und veranstaltete eine Eifersuchtsszene.

Harte Schale mit Blumenstrauss

Eine 71-jährige Pensionärin erinnert sich an ihren Vater
Mein Vater war Schweizer, wuchs in Deutschland auf und war – obwohl Schweizer – während des 2. Weltkriegs  im Krieg aktiv. Ich war offensichtlich ein “ Urlaubskind“. Er kehrte 1947 aus der Kriegsgefangenschaft zurück, ich war damals 4 Jahre alt und hatte ihn vorher noch nie gesehen. 
Mit seiner Rückkehr wurde das Leben in unserer Familie (ich hatte Geschwister) schwierig, meine Mutter weinte häufig. Ich kannte diesen Mann nicht. Er war ein Patriarch und wusste immer ganz genau, was richtig und falsch war.
Ich habe sehr früh geheiratet und meine Eltern waren überzeugt, dass mein Ehemann schwul sei. Ich ging auf ihre Verdächtigungen nicht ein, worauf mir mein Vater mitgeteilt hat: „Somit sind wir geschiedene Leute“. Ich hatte jahrelang keinen Kontakt mit meinen Eltern. Als ich meinen zweiten Ehemann heiratete, habe ich ihnen kein Hochzeitskärtchen gesandt. Als wir frisch verheiratet aus dem Standesamt  kamen, stand er völlig überraschend mit einem Blumenstrauss am Eingang. Er hatte durch meine Geschwister davon erfahren. Ich war gerührt, da ich wusste, was dies für ihn bedeutete: zu Kreuze kriechen. Da wurde mir bewusst, dass er mich gern hat und unter der Trennung gelitten hat. Ich konnte ihm in den darauffolgenden Jahren zeigen – darüber reden zu können, hat er nie gelernt – dass ich ihm keine Vorwürfe für seine Vergangenheit mache und ihm nichts nachtrage.

Nägel lackieren – mein Pappi ist im Fall nicht schwul!

Eine 25-jährig medizinische Praxisassistenin erzählt über den Pappi-Höck-Tag
Jeder Samstag war Pappi-Hock-Tag. Er hat mir beispielsweise die Nägel lackiert und die Haare frisiert. Häufig gingen wir auch gemeinsam shoppen. Mein Pappi ist im Fall nicht schwul!

Boxkampf in der Nachbarschaft (1970)

Ein 52-jähriger Bibliothekar erinnert sich an unfreiwillige Boxkämpfe
Wir waren drei Brüder im gleichen Alter. Unser Vater hatte eine sehr enge Vorstellung vom Mannsein und wollte uns in sein Schema pressen.
Eines Tages kam er mit Boxhandschuhen nach Hause. Er hat in unserer Garage Nachbarskinder versammelt und bestimmt, mit wem wir zu boxen haben. Wir wurden nie gefragt. Ich fühlte mich wie eine Marionette.

Vermisstes Erbe

Ein 52-jähriger Bibliothekar erinnert sich an den singenden Vater
Mein Vater hatte eine wunderschöne und starke Stimme. Er hat viel und überall gesungen. Leider habe ich seine Stimme nicht geerbt.

Heilige Vaterstunde (1971)

Ein 49-jähriger Pflegefachmann erinnert sich an die Vaterstunde
Mein Vater hat sehr häufig mit uns gespielt. Nach dem Abendessen hat er sich regemässig ca. eine Stunde Zeit genommen, mit uns rumzutollen und wir sind an ihm rauf und runter geklettert.

Er zeigt mir den Meister

Ein 49-jähriger Pflegefachmann erinnert sich an den Meister
Mein Vater hat es geliebt, uns etwas zu zeigen, wie man handwerkt. Dabei ging es um seine Präsentation und nicht darum, uns anzuleiten und uns etwas zu lernen. Ich konnte also nicht ausprobieren und keine Fehler machen. Heute erkenne ich gewisse ähnliche Muster bei mir selber.

Der äussere Schein

Eine 68-jährige Pensionärin erinnert sich an ihren Vater
Als Kind wollte ich immer lieb und nett sein und meinem Vater gefallen. Mein Vater war ein sehr leistungsorientierter und geltungssüchtiger Mensch. Es war ihm wichtig durch die Strasse zu stolzieren. Die Leute sollten achtungsvoll denken: Ah, da kommt der Hans Burger.
Als ich erwachsen war, wollte ich auf keinen Fall werden wie er und habe mich um die soziale Bestätigung geschert. Dies hat mich zum schwarzen Schaf der Familie gemacht.
Kurz vor seinem Tod hat er mir gesagt: „Wir hatten’s doch eigentlich gut zusammen.“ Und meinte damit in erster Linie: „Gell, ich hab’s doch gut gemacht.“ Ich konnte ihm nie sagen, dass ich mir unsere Beziehung anders gewünscht hätte.
Als ich von seinem Tod hörte, war ich zuerst erleichtert. Zugleich hatte ich ein schlechtes Gewissen wegen meiner Erleichterung.   

Der Zweiachser (1983)

Ein 66-jähriger Landwirt erzählt eine Anektote mit seinem damals ca. 5-jährigen Sohn
Mein Sohn Roman war immer sehr interessiert am Bauern. Ich habe ihm, als er ca. 5-jährig war, das Prinzip der Ein- und Zweiachser erklärt.
Einige Tage später ruft er: „Vater schau, dort ist ein Zweiachser!“ Weit und breit war jedoch kein Auto oder Gefährt zu sehen. Ich habe mich vergewissert, wo genau er einen Zweiachser sehe. Er hat auf den streunenden Hund gezeigt. Das Prinzip hatte er also erfasst.

Jüngere Beine (1988)    

Ein 66-jähriger Landwirt erzählt eine Anektote mit seinem damals ca. 10-jährigen Sohn   
Beim Arbeiten habe ich meinem Sohn Roman gesagt: „Hol mir bitte die Brille in der Wohnung oben, du hast ja noch junge Beine.“ Da hat er keck geantwortet: „Die jüngeren Beine habe ich zwar schon, aber sie müssen auch noch länger halten.“

Der Nachbar (in den 80er Jahren)

Ein 66-jähriger Landwirt erzählt eine Anektote seiner jüngsten Tochter als Kleinkind
Ich habe drei Kinder. Lea, die Jüngste, sagte mit ca. drei Jahren, sie hätte gerne ein kleines Geschwister. Die Mutter antwortete: „Das geht nicht so schnell, und es braucht noch den Pappa dazu.“ Lea ergänzte: „…oder den Nachbarn Ernst.“
Ich hatte mit Nachbarlandwirt Ernst gemeinsame Maschinen und sprach mich beim Arbeiten häufig mit ihm ab. 

Auftauchen

In seiner letzten manisch-depressiven Phase ist mein Vater für ein halbes Jahr spurlos verschwunden, nun ist er wieder zurück, aber er hat alles verloren: Seine Praxis, das Haus, das Geld. Gestern hat er für mich und meine kleine Tochter gekocht: Teigwaren mit Lachs und Spargeln. Auch sein Risotto ist wunderbar.
Die 36 jährige Tochter erzählt über ihren Vater, der 67ist.

Apfelschnitze (1985)

Eine 35-jährige kaufm. Angestellte erzählt von ihrem Vater
Ich begann Äpfel und Birnen zu essen wegen meines Vaters. Er hat die Früchte geschält und in kleine Schnitze geschnitten, so dass ich auf den Geschmack kam.   


Losgelöst

Als ich noch kleiner war, erzählte Vater vom Krieg in Sri Lanka. Er wurde angeschossen. Nach der Scheidung meiner Eltern habe ich ihn regelmässig besucht. Er joggte, ich fuhr mit dem Velo hinterher und wir hatten Spass. Da bekam er einen Herzinfarkt und seine neue Frau sagte zu mir, ich sei Schuld, weil ich ihm zu wenig gut schaue. Da sagte ich, dass ich Vater nur noch alleine sehe wolle, aber nach zwei Mal sagte Vater, er könne mich nicht mehr sehen, weil er auch mit seiner Frau und dem Kind sein müsse. Da rief ich ihn an und sagte: Werde ohne mich glücklich. Jetzt habe ich ihn nicht mehr gesehen, aber er fehlt mir.
Die 13jährige Tochter berichtet über ihren Vater, der 45 ist.

Tabu

In einem Streit mit meiner Schwester platze es aus Mutter heraus: Vater hatte, als er sie schon kannte, ein Kind in Afrika. Es ist, wie ich heute weiss, etwa in der Zeit gestorben, als ich zur Welt kam. Vor seiner Erkrankung war Vater für uns kaum fassbar. Mit seinem Alzheimer kam plötzlich seine emotionale Seite zum Vorschein – er strahlte uns an und umarmte uns, wenn wir kamen.
Die 51jährige Pfelgefachfrau erzählt über ihren Vater.

Im Fotolabor

Ich verbrachte Stunden mit meinem Vater im Fotolabor im Keller. Ich schaute, wie er die Fotos belichtete, ich beobachtete, wie die Bilder im Entwicklerbad langsam Gestalt annahmen. Er konnte gut zeichnen. Ich sass ihm oft Modell und habe später auch viel gezeichnet. Ich habe meinen Namen immer behalten, er ist von meinem Vater.
Die 58jährige Sozialarbeiterin erzählt über ihren Vater, der 1913 geboren ist.


Radetzkymarsch

Vater voraus mit der Posaune, dann meine Brüder mit der Posaune, dann ich mit der Geige: So marschierten wir an Familienfesten auf, mit dem Radetzkymarsch. Mutter war stolz auf uns. Vater spielte fünf Instrumente, Posaune, Klarinette, Waldhorn, Trompete und noch eines. Er nahm uns mit an all die Musik- und Waldfeste, ich sah in in seiner Musikantenunform marschieren.
Die 66 jährige Tourismusfachfrau erinnert sich an ihren musikalischen Vater. Die Szene spielt 1962.

An Vaters Hand

Ich ging mit meinem Vater spazieren, es war ein sonniger Frühlingstag. Als wir der Strasse entlang gingen, hielt er mich an der Hand. Kaum waren wir auf unserem Grundstück, hat er meine Hand losgelassen.

Der Ausgang

Ich war im Ausgang mit Gleichaltrigen. Als ich um zehn Uhr abends nicht wie abgemacht nach Hause kam, suchte mich mein Vater in der ganzen Stadt. Er fand mich nach Mitternacht auf dem Schulhausplatz. Wütend zerrte er mich aus der Freundesgruppe. Ich schämte mich für meinen Vater. Am nächsten Tag musste ich zur Strafe im Garten jäten. Ich kam nie wieder zu spät nach Hause.
Erzähler: Bruno (27), Bankangestellter
Alter zur Zeit der Erzählung: 13
Vater: Mario, pensionierter Lehrer
Alter zur Zeit der Erzählung: 54

Flugshow

Letzten Sommer besuchten wir mit unserem Vater eine Flugshow. Er wusste viel über die verschiedenen Flugzeugtypen zu erzählen und war vor Begeisterung kaum zu bremsen. Er kaufte uns ein Modellflugzeug, das wir später gemeinsam zusammen bauten. Wir leben getrennt von unserem Vater. Jedes zweite Wochenende sind wir bei ihm auf Besuch.
Erzähler: Fabian (13) und Roman (15)
Alter zur Zeit der Erzählung: 12 und 14
Vater: Christoph, Maurer
Alter zur Zeit der Erzählung: 44

Hippievater

Mein Vater ist ein richtiger Hippie. Ich wuchs in einer Kommune auf, war häufig mit meinen Eltern in Indien. Früh begann ich gegen meinen alternativen Vater zu rebellieren, fand ihn einen Penner. Nach Lehre, Berufsmaturität und Fachhochschulabschluss hatte ich keinen Kontakt mehr zu ihm. Wir lebten in zwei ganz unterschiedlichen Welten. Ich im Anzug und er in Hippiekleidern. Als er in finanzielle Schwierigkeiten geriet, nahm er wieder Kontakt auf mit mir. Da ich gut verdiene, konnte ich ihm finanziell unter die Arme greifen. Seither sehen wir uns wieder zweimal wöchentlich. Wir haben uns versöhnt und respektieren einander.
Erzähler: Christian (26), Informatiker
Alter zur Zeit der Erzählung: 26
Vater: Peter, Möbelschreiner
Alter zur Zeit der Erzählung: 46

Mit warmen Händen geben

Mein Vater hat gut Geld verdient. Mit der Begründung, er gebe lieber mit warmen als mit kalten Händen, ermöglicht er mir und meiner Familie dank eines Erbvorbezugs den Bau eines Hauses in der Nähe seines Wohnorts. Er übernimmt sogar die Bauführung. Er freut sich darauf, uns in der Nähe zu haben und seine Grosskinder ab und zu betreuen zu können. Ich spüre ganz stark, der Vater ist für mich und meine Familie da.
Erzähler: Damian (27), Umweltingenieur
Alter zur Zeit der Erzählung: 32
Vater: Stefan, pensionierter Ingenieur
Alter zur Zeit der Erzählung: 65


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