Geschichten vom Mittwoch, 28.5.2014

Salto

Ein 16-jähriger Lehrling über seinen Vater:
Ich habe meinem Vater den Salto beigebracht. Den König aller Sprünge übe ich in der Badi oft mit meinen Freunden. Heute kann mein Vater mit uns fast schon mithalten. Er lernt schnell.

Fern sehen

Eine 15-jährige Schülerin über ihren Vater:
Mein Vater ist ein guter Geschichtenerzähler. Ich mag seine Geschichten. Erzählt er von seiner Kindheit in Bosnien, höre ich gerne zu. Ich kann mir gut vorstellen, wie mein Leben in Bosnien aussehen würde. Ich bin froh, hier zu sein. Mein Vater, glaube ich, ist es auch. Schläft er am Abend vor dem Fernseher ein, sieht er jedenfalls meistens ganz zufrieden aus. Und das trotz seiner harten Arbeit auf dem Bau.


57

Ein 49-jähriger Ingenieur aus Bern macht sich Gedanken:
Mein Vater starb mit 57 Jahren an einem Schlaganfall. In acht Jahren werde ich 57 Jahre alt.


Erinnerungsdschungel

Eine 24-jährige Studentin erinnert sich mit leuchtenden Augen an gemeinsame Kocherlebnisse mit ihrem Vater:
570 Gramm Mehl. 12 Eier. 12 Esslöffel Olivenöl. 75 Gramm Butter. Ein bisschen Salz und Pfeffer. Kneten. Schneiden. Und dann trocknen lassen. Sie hingen überall in der Küche. An Schnüren hatten wir sie aufgehängt, die selbstgemachten Spaghettis. Ein bisschen sah es aus wie im Dschungel.



Sommer 2005

Geschichte: Ein 35-jähiger über sein Verhältnis zu seinem Vater.
Diagnose: Hirntumor. Plötzlich war mein Vater unheilbar krank. Ich war damals 24 Jahre alt und hatte zu meinem Vater keinen besonders guten Kontakt. Er hatte eine ganz andere Wertvorstellung, eine ganz andere Weltauffassung. Als er mich im Sommer nach seiner Diagnose fragte, ob ich mit ihm in die Ferien fahren wolle, gab ich mir einen Ruck. Gemeinsam fuhren wir mit einem VW Camper durch Norditalien. Wir stritten oft oder schwiegen uns an. Nicht so aber in jener Sommernacht. Wir hatten uns gerade hingelegt, als mein Vater plötzlich zu singen begann. I ghöre äs Glöggli. I ghöre äs Glöggli, das lütet so nätt. Stundenlang haben wir gelacht.

Simone, 38

Ich habe keinen grossen Draht zu meinem Vater, erlebe ihn distanziert. Aber wenn wir uns sehen, dann fühl ich ihn, beim Reden. Ohne Kontakt ist er für mich inexistent.
In meiner Kindheit war er irgendwie weit weg von mir.
Er war jung, als er Vater wurde, 20.
Als ich schwanger war, lebte ich in der Erwartung, dass er jetzt vielleicht Grossvater für meinen Bub werden wollte.
Er glänzt mit Abwesenheit, fragt nicht nach ihm.
Die kurzen Treffen finden allein zwischen meinem Vater und mir statt.
Heute ist das für mich okay. Besser als nichts. Ich habe losgelassen.  


Ein älterer Herr italienischer Abstammung

Ich bin zwischen Venedig und Triest aufgewachsen. Mein Vater führte nach dem Krieg eine grosse Landwirtschaft. Bis zu seinem 85. Lebensjahr war er aktiv.
Ich half meinem Vater immer. Einmal des Nachts hat er mich mitgenommen und wir haben Schnaps gebrannt!
Die Türen unseres Bauernhauses waren stets offen für alle, die vorbeikamen. Und auf dem Küchentisch standen allezeit selbstgemachte Salami, selbstgemachter Wein und Schnaps.
Mein Vater war immer treu und zu allen sehr liebevoll. Seine Worte waren sanft. Er konnte alle Menschen trösten. Niemals habe ich von ihm einen Klapf bekommen!
Auf dem Sterbebett sagte er: „Das Leben ist kurz. Lass jedweden Streit. Hab auch deine Feinde lieb, dann öffnet dir Gott alle Türen und Tore!“

Linda, 29

Ich war letztes Jahr mit meiner Cousine in Indonesien unterwegs. Wir kamen auf unsere Familie zu sprechen, genauer gesagt auf unseren Grossvater, der mit etwas über 50 gestorben war. Meine Cousine sprach von dessen Freitod nach einer Zeit der Depressionen und den entsprechenden Behandlungsversuchen.
Das machte mich sehr bestürzt. Mir war von meinem Vater eine andere Geschichte erzählt worden, nämlich die des Todes unseres Grossvaters durch einen Herzinfarkt.
Ich fühlte: Ich hatte ein Bild in mir getragen und dieses Bild war jetzt ausgelöscht worden.
Wieder daheim wollte ich mit meinem Vater reden.
Es dauerte vier Wochen, bis sich die Gelegenheit dazu bot. Als wir einmal beide zusammen auf dem Sofa sassen, teilte ich ihm mit, dass ich es wusste.
Er nahm es gut auf!
Er schämte sich. Dann sagte er: „Ich wollte es dir schon früher sagen. Ich log, weil ich nicht wollte, dass du von deinem Grossvater ein schlechtes Bild hast.“
Ich bat meinen Vater, es meinen Schwestern zu sagen. Da bat er mich, ihm dabei zu helfen, einen Weg zu finden, wie er es ihnen mitteilen könnte.
Irgendwie sind wir alle seitdem auf eine neue Weise miteinander verbunden.


Cyrille, 22

Einmal, als ich 17 war, bin ich mit meinem Vater bis nach Südfrankreich gefahren, auf dem Velo. Wir sind in Genf losgefahren und waren in einer Woche am Ziel!
Geschlafen haben wir wild an Flüssen.

Mamadou, 29

Es war im Senegal, wo ich aufgewachsen bin. Mein Vater arbeitete in einer Bank. Immer an Weihnachten fand dasselbe Ritual statt: Alle Familien wurden in die Bank zur Weihnachtsfeier und Bescherung eingeladen. Wir waren aber Muslime! Man stelle sich vor, der Direktor lud alle Familien der Bankangestellten ein, christliche und muslimische Familien, alles bunt gemischt! Ein schönes, harmonisches Fest!
Jedes Kind bekam ein Weihnachtsgeschenk und als ich 10 oder 11 war, stand mein erstes Velo für mich da!

Lukas, 21

Mein Vater ging im Seeland auf Fischfang.
Einmal nahm er mich mit. 12 war ich damals. Ich ruderte das Boot über den See. Mein Vater deutete die Naturwelt um uns herum, sonst schwiegen wir. Das Boot glitt durch den Nebel.
Ich fing meinen ersten Fisch, einen Hecht! Ich liess ihn aber wieder ins Wasser.

Wiedersehen (1980)

Ein 55-jähriger Postangestellter erzählt, wie er seinen Vater fand
Mein Vater ging als ich fünf war. Die Tür fiel ins Schloss und er war weg. Zwanzig Jahre lang spielte er in meinem Leben keine Rolle mehr, bis zu jenem Tag im Mai. Ich setzte mich im Solothurner Bahnhofsbuffet neben diesen knorrigen, alten Mann. Wir kamen ins Gespräch, redeten erst über das Wetter, dann über seinen Beruf und irgendwann über seine Familie. Zu seinen drei Söhnen hatte er keinen Kontakt mehr, erzählte er mir. Es traf mich wie ein Blitz: „Jo gopf, bisch’s Du?“ Ich konnte sie sehen, die Freude in seinen Augen, den Stolz.

Biegen und Brechen

Ein 74-jähriger Pensionär erinnert sich an seinen Vater:
 „Mi spezzo, ma non mi piego“, hat er immer gesagt. Brechen könne er, sich verbiegen aber nicht.  Mein Vater war Schuhmacher, ein stolzer Mann. Bis zu meiner späten Jugend wohnte ich mit ihm, meiner Mutter und meinen drei Geschwistern in einem kleinen Ort in Sizilien. Rieche ich heute Leim, erinnere ich mich an seine Werkstatt. Ich mag den Duft. Es ist der Duft meiner Kindheit. Trete ich heute in eine Werkstatt ein, erinnere ich mich an seine Geschichten. Jene Geschichten, die er erzählte, während er wartete bis der Leim trocknete. Sich treu zu bleiben, sei das Wichtigste, pflegte er zu sagen. Vor neun, zehn Jahren wurde ich pensioniert. Ich habe auf dem Bau gearbeitet. Meine Frau, eine Schweizerin, hat mich verlassen. Nicht alles war schön in meinem Leben, verbogen aber habe ich mich nie.


Aortariss (2007)

L.M., 36, erzählt über den Unfall seines Vaters:
An einem Sommertag, ich war dreisig Jahre alt, erreichte mich auf dem Weg zur Badi der Anruf: Vater liegt auf der Notfallstation! Als wir bei ihm ankamen, war die Operation bereits im Gang. Der Assistenzarzt machte uns wenig Hoffnung. Vater hatte einen Aortariss nahe beim Herz. Falls er überhaupt überleben würde, wären Folgeschäden wahrscheinlich. Die Operation dauerte neun Stunden. Ich war erstmals mit der Vorstellung konfrontiert, meinen Vater zu verlieren – mitten aus der noch ungeklärten und unfertigen Beziehung, in der wir damals standen.
Vater erholte sich fast vollständig. Ich besuchte ihn oft in der Klinik in Le Noirment und unternahm mit ihm Spaziergänge. Wir führten Gespräche, fanden zueinander. Unsere Beziehung ist dadurch anders geworden – inniger und näher. Wenn wir uns heute sehen umarmen wir uns, die Kommunikation fliesst.

Auf dem Packträger (1942)

A.M. 78, Architekt erzählt, wie ihm der Vater Einblick in dessen Herkunft gab.
Vater war noch ein alter Emmentaler. Seine Eltern führten einen Gasthof mit Bauernbetrieb. Er war der jüngste von fünf Söhnen, sein ältester Bruder war 17 Jahre älter als er. Nach dem Erbrecht, wie es im Emmental galt, sollte er als jüngster Sohn der Hof erben. Er machte eine Lehre als Metzger im Welschland. Aber als die Mutter starb, machte der Älteste Bruder den „Leiblohn“ geltend und die Familie beschloss, ihm den Hof zu übertragen. Daraufhin brach Vater den Kontakt mit der Familie ab. Später starb mein Bruder und mein Vater nahm wieder Kontakt mit der Familie auf. Er fuhr mit mir per Velo ins Emmental – ich sass auf dem Gepäckträger und er erzählte mir diese Geschichte seiner Herkunft, die er bis dahin verschwiegen hatte. Sie blieb mir – nicht allein wegen der langen Velofahrt ins Emmental, sondern vor allem, weil mein Vater damals sein Schicksal offenbarte. Er hat im Übrigen nie damit gehadert. Vielmehr hat er in der Stadt Bern ein ganz und gar eigenständiges Leben aufgebaut. Als SP-Mitglied war er ein Revoluzzer, der sich für seine Überzeugung einsetzte.

Fige-Luege (1973)

M.G., Manager, 47, berichtet über Matchbesuche mit dem Vater
Ich war fünf oder sechs Jahre alt, als mich Vater am Sonntagmorgen zu den Matches des 3-Ligaclubs im Fischermätteli mitnahm. Das hiess dann „Fige-Luege“. Die Spiele waren nicht sehr aufregend, aber Vater kannte hier jeden und zeigte mir das Haus, indem er aufgewachsen war, seine Schule und wo er als Kind gespielt hatte. Mich faszinierte das ungemein. Später nahm er mich an die Eishockeymatches mit. Ich stand als kleiner Junge neben meinem grossen, kräftigen Vater. Es wurde damals noch geraucht. Mein Vater fieberte mit den anderen Fans mit und ich war glücklich und stolz. 


Picknick unter Männern (1997)

M.G., 47, berichtet über ein Picknick mit seinem Vater in Paris
Ich war früher einmal für vier Monate in Paris, meine Eltern hatten mich damals besucht und die Stadt liebgewonnen. Seither unternahmen wir ab und zu eine Reise in diese Stadt. Ich war ich dreissig Jahre alt. Mutter ging an diesem Abend früher ins Hotel. Vater und ich schlenderten zum Montmartre. Wir hatten Hunger und kauften eine Flasche Wein, ein Baguette und einen Camembert. Wir setzten uns auf die Treppe vor dem Sacré-Coeur, betrachteten die Künstler, die Stadt und das Treiben der Menschen. Wir kamen in ein sehr persönliches Gespräch. Vater interessierte sich für mich und wie es mir ging – und ich war ebenso offen für ihn. Wir sprachen über Frauen, über Sex, Dinge, die wir noch nie besprochen haben. Ich erinnere ich noch immer gerne an diesen Abend: Wie wir den Wein aus der Flasche tranken, den Käse von Hand assen und wie wir über das Leben philosophierten.


Als Vater sich hinter mich stellte (1992)

L.L., eine Frau von 34 Jahren  berichtet über eine Vorladung bei der Schulleitung:
Ich war im ersten Jahr am Gymer, in der Quarta. Rebellisch. Ich foutierte mich um die Schule, schwänzte. Mutter unterschrieb die Entschuldigungen. Vater hatte sich zeitlebens wenig für die emotionalen Belange von uns Kindern oder dafür interessiert, was in der Schule ging, dafür war Mutter zuständig. Aber als die Schule eine Vorladung mit Androhung des Schulausschlusses schickte, weigerte sie sich, hinzugehen. Mein Vater musste mit mir mit.
Ich war damals hochgradig verliebt und hatte mit meinem Liebsten abgemacht. Ich war mordsmässig aufgeputzt, vielleicht etwas aufreizend. Mein Vater hatte sich ebenfalls 1A angezogen. Die Lehrer sassen im Hufeisen um uns, der Rektor schlug das Dossier mit meinen Absenzen und „Entschuldigungen“ auf. Ich war halb in meinem Liebesrausch gefangen und ganz davon überzeugt, dass mein Vater alles regeln würde. Ich war das jüngste Kind, mein Vater war damals in beruflichen Schwierigkeiten, das weiss ich heute.
Als mein Vater zu Wort kam, brauste er auf: Er finde es einen ungeheuerlichen Affront, dass hier Zweifel an seiner elterlichen Erziehung und Autorität geäussert würden. Wenn er oder seine Frau etwas unterschreibe, dann gelte dies und er verbiete sich jeden Zweifel daran. Als Leiter einer grossen Firma strahlte er enorme Autorität aus, die Lehrer schluckten.
Wir gingen raus, ich verabschiedete mich von meinem Vater und ging mit meinem Freund zum Essen. Viele Jahre später habe ich meinem Vater einen Brief geschrieben, in dem ich ihm für die Momente dankte, in denen er sich mit seiner ganzen Kraft hinter mich stellte.

Vater werden (2014)

U.K., ein Mann von 34 Jahren erzählt, wie er Vater wurde
Vor vier Tagen bin ich Vater geworden. Unsere Tochter kam per Kaiserschnitt zur Welt. Vor einem Jahr haben wir das kleine Haus von unserem Grossvater übernommen, jetzt renovieren wir es. Wir haben nicht damit gerechnet, dass es mit dem Kind so schnell klappen würde. Die erste Stunde nach der Geburt war das Kind ganz bei mir. Es ist ein wunderbarer Moment, wenn dir dein Kind zum ersten Mal in die Augen schaut.
Das Vaterwerden hatte ich mir einfacher vorgestellt, planbarer – aber man muss sehr viel improvisieren. Von meinem Vater nehme ich nur das Beste mit. Er ist mein Vorbild. Er hat nie die Nerven verloren, auch wenn ich ein unruhiges Kind war. Er gab mir Liebe. Wenn ich einmal nicht mehr weiter weiss, dann brauche ich mir nur zu überlegen: Wie hätte es wohl Vater gemacht? Dann weiss ich weiter.


Alles ist wunderbar (2014)

H.S., ein Mann von 54 Jahren, erzählt über einer Begegnung mit seinem neunzigjährigen Vater.
Mein Vater liegt mit einer schweren Lungenentzündung im Spital. Ich habe mit ihm ein grosses Auf und AB erlebt. Nähe, Beziehungsabbruch, Schläge, regelmässig und heftig, Grosszügigkeit. Körperliche Nähe ist ihm fremd. Nichts Zärtliches unter Männern. Er ist Berliner.
Mein Vater liegt im Sterben. Ich war vor einigen Tagen bei ihm. Er war nicht bei Bewusstsein. Ich sass am Bett und hielt seine Hand, stundenlang. Ich hatte das Gefühl einer grossen, innigen Nähe. Nach Stunden schlug er plötzlich die Augen auf, strahlte mich an und sagte zu mir: Es ist alles wunderbar, ich danke dir vielmals, vielmals, vielmals für alles.
So nahe waren wir uns noch nie. Ich erlebte ihn nochmals ganz neu als Mensch.
Gestern war ich wieder bei ihm zu Besuch. Als ich ging, schlug er wieder die Augen auf und strahlte mich an.

Vaters Wunden 2013

H.S., ist 54, sein Vater ist 90 und wird von Kriegserinnerungen heimgesucht.

Vater war im Krieg drei Mal verwundet worden. Am Fuss und am Schlüsselbein hatte er Wunden, in die man die Hände legen konnte. Er erzählte wenig vom Krieg. Das meiste verbarg er hinter einer Wand aus Schweigen. Jetzt, im hohen Alter, bricht dieser Damm. Er ist teildement, aber die Kriegserinnerungen bahnen sich einen Weg an die Oberfläche. Er erzählt von Kriegshandlungen auf der Krim. Sein Körper zuckt, ich stütze ihn und versuche zu trösten. Mutter wurde drei Mal ausgebombt. Sie stieg aus dem Keller und das Haus darüber war weg.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen